Sportsfreund Ulli

2002 segelte ich mit drei Gästen bei einem deftigen Südost mit Spinnaker von Travemünde nach Fehmarn. Je schneller man Spinnaker segelt, desto seitlicher weht es. Abfallen hilft, geht aber nur, wenn dazu auch Platz ist. So wurde der Ritt bei halbem Wind knapp an Dahmeshöved vorbei grenzwertig. Die Segelsaison war Mitte Oktober spürbar zuende und für den Abend ein abrupter Richtungswechsel auf West Viel angekündigt. Die Aufgabe dieses Männertörns war, dann in Orth auf Fehmarn zu sein.

Als wir spitz auf Kante an Dahmeshöved entlang geschrubbt waren überlegte ich, ob und wie wir mit Spinnaker durch den Fehmarnsund rutschen. Es war ein Mix aus der vernünftigen Idee flott da zu sein – und einer kleine Jungs-Mutprobe.

Ulli im Sommer 2002 – Foto E. Braschos/malsegeln

Ulli und ich kannten uns damals von einem einwöchigen Sommertörn. Er saß mir zugewandt in der geschützten Mittelplicht, hatte die Spinnakerschot in der Hand und mein Gesicht im Blick – bereit, Druck aus den 130 Quadratmetern Spinnaker zu lassen, sobald ich die Kontrolle über das Boot verliere.

Als könne er Gedanken lesen, sagte Ulli auf seine unmißverständlich mecklenburgische Art: „Erdmann, damit dat bitte klar ist: wir segeln nicht mit dem Ding da oben durch den Sund. Dat geht nämlich in die Hose.“ Die Geschichte zeigt, welchen seglerischen Durchblick Ulli hat und wie gut wir uns damals schon verstanden. Er konnte Gedanken lesen.

Der Chartergast wurde zum Segelfreund. Im folgenden Frühling hatte Ulli den Bugbeschlag aus mattem Stahl mit welligen Schweißnähten, Dellen und Flugrost in ein glänzendes Schmuckstück verwandelt. Man hätte ihn bei Cartier ins Schaufenster legen können. Das war sein handwerklicher Einstand.

Kieler Förde 2002 - Foto malsegeln

Kieler Förde 2002 – Foto malsegeln

Ulli ist als langjähriger Mitarbeiter der Panzerbude, wie er das Reparaturwerk Neubrandenburg erinnert, vom Fach. In diesem volkseigenen Betrieb wurden zu DDR-Zeiten russische Panzer gewartet. Ulli segelte bereits als Jugendlicher so gut, dass er für ein Segelkader vorgesehen war. Nun war das Leistungssportler-Privileg in der DDR aber an weitere Bedingungen geknüpft, die für ihn nicht in Frage kamen. Außerdem ist Ulli Familienmensch. Er ging stattdessen mit Ehefrau Roswitha und den Söhnen Enrico und Maik auf dem heimatlichen Tollensesee segeln. Das Boot dazu, einen Jollenkreuzer, plastizierte er Mitte der Siebzigerjahre gemeinsam mit Sportsfreunden selbst, wie sich Segelbuddies im Osten nennen.

Die Sache mit dem Russen-Niro

So nennt Ulli das Laminieren, die Arbeit mit Glasfaser, Harz und Härter. Das Auftragen des Harzes mit einem Pinsel, das Tupfen, nennt Ulli Tuppeln. Ein trotz Mangelwirtschaft lösbares Problem war die Komplettierung der Rumpf- und Decksschale zu einem Boot. Er baute Schäkel und sogar Winschen selbst. Ausgezeichnet war das sogenannte Russen-Niro. Es hat den Nachteil leicht magnetisch zu sein, bietet dafür ausgezeichnete Festigkeitswerte. Mittlerweile hat Gamle Swede manche Sonderanfertigung aus Russen-Niro, West-Edelstahl und weiteren Materialien: Reffhaken, Winschkonsolsen, Buchsen und Muffen aller Art. Ulli hat eine Drehbank im Keller.

Leichtwind Regatta im Fehmarnsund

Spinnakersegeln im Fehmansund – auf dem Vorschiff Ulli. Foto Sören Heese/Sailpower

Seit dem kernigen Fehmarnritt gehen Ulli, gelegentlich begleitet von seiner Frau Rosi, Sohn Enrico, manchem Freund und mir Segeln. Für Wochenendtörns durch die Lübecker Bucht, nach Poel, zum Darß, nach Hiddensee oder mal nach Göteborg. Im Jahr darauf entstand das sogenannte Elch-Syndikat, wie die Gemeinschaft zur gleichzeitigen Behebung und Vertiefung unseres seglerischen Dachschadens heißt: mit Männer– und Familientörns oder Regatten wie Schlank & Rank, wo Ulli als Steuerberater, Zupfer und erster Spibaumumstecker unverzichtbar ist.

In mittlerweile zwei Jahrzehnten ist unsere Seglerfreundschaft beinahe gereift wie eine Ehe.  Dabei sprechen wir immer noch zwei unterschiedlichen Mundarten.Wenn man im Oktober mit Spinnaker havariefrei an Dahmeshöved vorbei schrubbt oder mit kreischendem Winkelschleifer bei Regen, Schmutz und Frost das Boot vorne zerlegt und im Frühjahr daraus wieder ein Schiff mit neuem Teakausbau wird, geht man durch gewisse Täler.

Das Fundament unserer Segelfreundschaft ist neben der Peilung für Falsch und Richtig an Bord wie an Land die Begeisterung für schnöselfreies Segeln. Wir mögen das einfache, naturnahe Bootsleben mit weniger Abdrift als Krängung sehr. Es wäre abschließend eine schöne Pointe, wenn ich mich dank Ulli als späten Zögling der Betriebssportgruppe Lokomotive Neubrandenburg sehe – bin aber nicht sicher, ob Ulli das in Kenntnis meines handwerklichen Könnens (nicht Wollens) so stehen lassen würde.

Foto oben von Erdmann Braschos/malsegeln: Hans-Ulrich Eichler 2002 im Niedergang von Gamle Swede