Kalvø

Dänemark hat etwa so viele Einwohner wie Berlin und Hamburg zusammen. Fast die Hälfte lebt auf Seeland rings um Kopenhagen. Entsprechend gelassen geht es auf den übrigen Inseln zu. Dänemark ist eine wunderbare, zu meditativer Ruhe einladende Provinz. Bei unserem Augusttörn Rund Fünen kreuzen wir vom Kleinen Belt kommend zwischen bewaldeten Ufern in den fjordartigen Einschnitt der Genner Bucht. An einem Holzsteg vor der Insel Kalvø gibt es zwischen unbewohnten Booten Platz.

Schön nix los hier

Hinter dem Rondell eines großen Platzes gibt es ein großes weißes Gebäude, anscheinend ein Gut. Daneben einen stillgelegten Gasthof. Ab und zu verirren sich Ausflügler aus dem nahen Tyskland über den Damm vom Festland auf die Kalbsinsel, wie Kalvø auf Deutsch heißt.

Blick auf das Rondell und das frühere Herrenhaus von Kalvø – Foto Erdmann Braschos

Die Behauptung, ich sei vor vielen Jahren schon mal hier gewesen, stimmt nicht ganz. Denn damals habe ich hier nur angelegt. Aufräumen, Kochen, Abendessen, Schlafen, Ablegen. Das war schade, denn Kalvø liegt idyllisch zwischen hohen Hängen, vom Fjord umschlungen wie ein Wasserschloß.

Diesmal bleiben wir, erkunden die Insel auf dem Pfad zwischen Wald und Schilfgürtel und entdecken die Weide, deren Bewohnern die Kalbsinsel anscheinend ihren Namen verdankt – und ihre Geschichte. Mit leuchtenden Augen führt eine ältere,  für ihre Heimat begeisterte Dänin durch das Herrenhaus, das der Reeder Jørgen Bruhn aus dem nahegelegen Apenrade zum Wohnen und als Büro errichtete. Bruhn hatte große Pläne, die er mit einer Werft zum Bau von hölzernen Frachtseglern Mitte des 18. Jahrhunderts zügig verwirklichte, darunter die damals größten Schiffe Skandinaviens. Bruhn beschäftigte vorübergehend 100 Leute. In den niedrigen Gebäuden nebenan waren außer der Schmiede weitere Werkstätten untergebracht und die Schiffbauer, soweit sie nicht auf dem Jütländischen Festland wohnten. Auf dem Platz davor wurde Holz in Schiffe verwandelt, deren kühne Klüverbäume die Werft überragten. Die Neigung des Ufers im Norden der Insel und der tiefe Fjord waren ideal für den Schiffbau. Er florierte zwei Jahrzehnte.

Dann wurde es auf Kalvø wieder still. Heute leben 9 Leute auf der Insel, bewohnen die einstigen Wirtschaftsgebäude, hegen und genießen die Gärten.

Nachmittags versammeln sich am Rondell einige Oldtimerfans, zeigen mit stillem Stolz ihre Sportwagen, darunter ein kolossaler Packard aus den Dreißigerjahren, der auf weißen Reifen über den Damm zur Kalbsinsel schwebt. Der Konvent scheint ein Ritual zu sein – wie die Mittwochsregatta, die plötzlich die Nachbarboote mit interessiert guckenden, freundlich nickenden Einheimischen belebt. Abends tuckert ein Fischer an die Mole und lädt neue Netze.

Diese erholsame dänische Provinz mit gemischter Bewölkung, gelegentlichen Regengüssen und wärmender Sonne möchte ich nochmal besuchen – mit Zeit für einen Spaziergang jenseits des Damms oben durch die Buchenwälder und über die Wiesen. Mit Panoramablick auf Kalvø, wo Jørgen Bruhn enorme Schiffe vom Stapel ließ. Und auf die Genner Bucht, die sich besegeln läßt wie ein See, dessen Ufer nachmittags im niedrigen Sonnenlicht verzaubern.

28. Februar 2020