Wenn der Lack ab ist

Es war im vergangenen Segelsommer unübersehbar. Der Reitbalken mit dem Steuerstand aus lackiertem Teak kriegte Patina. Die einst glänzende Owatrol-Versiegelung verblich, der Lack war sprichwörtlich ab. Vor und hinter dem Steuerbock zogen sich Risse durchs Gebälk. Also baue ich ihn gleich Anfang Oktober im Winterlager aus. Den alten Lack mit der Klinge abziehen, das Teak anschleifen, die Risse schließen und ein neuer Farbaufbau – am Besten mit einem UV-stabilen Zweikomponentenlack. Kann alles keine große Sache sein, nehme ich an.

Reitbalken-Reparatur © Jan Böhm/Lütje Yachts

Reitbalken-Reparatur © Jan Böhm/Lütje Yachts

An einem sonnig schönen Herbsttag ziehe ich das Gebälk am ehemaligen Hamburger Holzhafen aus dem Kofferraum und lege es Jan Böhm und seinem Kollegen Sven in der Lütje Werft auf die Werkbank. Die beiden sind bemerkenswert still und ernst. „Stimmt was nicht?“ erkundige ich mich. „Schon, wir überlegen nur.“ Die Sache wird aufwändiger als gedacht. Denn für die Risse gibt es einen Grund: das 2017 geänderte Steuerrad. Mit seinem größeren Durchmesser steigert es den Segelgenuss und die Kräfte, die auf den Reitbalken wirken, wenn man sich im Seegang oben am Steuer festhält. Das Rad gibt nicht nach, das Aluminium des Steuerbocks auch nicht, das Teak des Reitbalkens schon.

Ausleisten der Risse im Reitbalken © Jan Böhm/Lütje Yachts

Ausleisten der Risse im Reitbalken © Jan Böhm/Lütje Yachts

Als ich Anfang der Neunzigerjahre den Reitbalken das erste Mal anlässlich der Montage des Lewmar-Travellers gemeinsam mit dem Schweriner Bootsbauer Franz Köhn  aufmöbelte, hatte ich an einen stabilen Unterbau der Schiene gedacht. Bei der nächsten Überholung des Reitbalkens steifte ich den Steuerbock dann unten mit einem zusätzlichen Aluminiumblech aus. „Das war schon ganz gut“ meint Jan, „aber für das größere Rad zu schwach und technisch nur die halbe Miete. Der Steuerbock sollte mit einem Winkel mit der senkrechten Wand des Reitbalkens verbunden werden. Sonst reißt das Teak oben wieder. Wir machen das mal richtig.“ Interessant, wie schnell ein versierter Bootsbauer sowas durchblickt.

Gfk-Verstärkung des Reitbalkens © Jan Böhm/Lütje Yachts

Gfk-Verstärkung des Reitbalkens © Jan Böhm/Lütje Yachts

Bootsbauer Sven laminiert einen Glasfaserkasten zur unteren Aussteifung des Steuerbocks, fräst die Risse oben im Reitbalken aus, füllt die Fugen mit Teakstäben und verpasst der Teakkonsole zur Abdeckung des Steuerbocks einen neuen Deckel. So ist das mit Booten und Kleinigkeiten wie mal eben Lack abkratzen, anschleifen, Risse ausbessern und das Ganze in die Spritzkabine schieben. Möge der Reitbalken die nächsten Jahre halten. Ist mittlerweise die Version 5.0. Immerhin ist die Sache ein halbes Jahr vor der nächsten Segelsaison auf dem Weg. Ich habe solche Kleinigkeiten schon später begonnen.

Foto oben: Das Gehäuse der Steuerbockkonsole bei der Reparatur © Jan Böhm/Lütje Yachts