Was gibt’s denn da zu jammern?

Aus gegebenem Anlaß muß ich mal was über den Sommer schreiben. Den Sommer des vorletzten, des vergangenen Jahres und den achteraus liegenden. Es geht also um die für einen normalen Menschen erinnerbare Zeitspanne nach Früher, wo bekanntlich alles besser war, auch der – eben.

Alle Böötler behaupten unisono, dass der Sommer neuerdings zu windig und böig, zu naß und kalt, zu gewittrig, also unsegelbar sei. Etwa so wie es üblich war oder noch ist, über die Post, die Telekom und die Deutsche Bundesbahn zu klagen. Da es hier nicht um die mentale Deformation von Zeitgenossen geht, die anscheinend ein derart sorgenfreies Leben führen, dass sie sich zielsicher etwas zum Jammern suchen und auch finden, zurück zum Wetter.

Bei deftig viel im Fehmarnsund

Bei deftig viel im Fehmarnsund

Also fangen wir gleich mal vorne beim Sommer 15 an: Den erinnere ich als windreich. Er war mit der 16 qm Sturmfock, an Bord salopp Angstlappen genannt, dazu einem oder zwei Reffs im Groß gut segelbar. Das Saisonhighlight, die Schärenkreuzerregatta Schlank & Rank wurde Anfang Juli im Fehmarnsund bei traumhaft sonnigen Bedingungen – der Fehmarnsund lag da wie ein oberitalienischer Lago vor dem ersten Espresso – ausgesegelt. Bei der Regatta hatten wir zu wenig Wind, weshalb ich diesem Sommer eine Zwei gebe.

Den Sommer 16 war Gamle Swede ausschließlich bei mediterran lauschigen Bedingungen unterwegs. Ein bis drei Windstärken, endlos Sonne, viele Spinnakerkurse, herrlich verbummelte Segeltage. Ankern, Baden, Trödeln. Wunderbare Gesellschaft an Bord. Neue Segelfreunde gewonnen. Wir mußten so gut wie nie reffen. Die Segelsaison 16 kriegt daher ganz klar eine Eins +. Okay eine Eins.

Starkwindsegeln mit 16 qm Angstlappen

Starkwindsegeln mit 16 qm Angstlappen

Der Sommer 17 war kernig und von der Nässe her irisch bis schottisch. Schon beim ersten Schlag vom Winterlager bretterten wir mit über acht Knoten am Wind nach Fehmarn – mit dem Angstlappen, keiner dieser traurig zu ¾ weggerollten Steilmarkisen, wie als übliche Rollanlagen mit erbärmlich dahinter flappendem Vorsegel auf jedem modernen Komfortkreuzer zu sehen. Gratis zu den Regengüssen gab es durchziehende Fronten mit viel Wind und ab Juli mächtige Kumuluswolken, die sich in Gewittern entluden.

Mit gerefftem Groß und Angstlapüpen

Segeln bei viel Wind

Nun ist Segeln eine Outdoor- keine Hallensportart. Es gibt keinen Bademeister oder Ombudsmann wo man sich über die Wassertemperatur beschweren kann. Wind, Wetter und Wellen sind zu nehmen wie sie kommen. Aber wir können heute auf dem Handy nachschauen, wie sich das Ganze rings um Fehmarn, in der dänischen Südsee oder der Lübecker Bucht entwickelt. Dann überlegen wir, was wir daraus machen. Bei West deftig bis heftig geht es hinter eine Küste mit ablandigem Wind. Da wird mit reduzierter Besegelung gebrettert, bis alle was erlebt haben, müde und durch sind. In Großenbrode, Grömitz, Neustadt, Niendorf oder Travemünde gibt’s geschützte Liegeplätze mit Duschen, Föhn, Abendessen und die tapfer ersegelte Nachtruhe ohne Seegang.

Ostsee bei 30°

Ostsee bei 30°

Da ich beim Segeln gern zur Sache komme habe ich das Sprayhood vom Boot abgebaut. Das ist dieses Kinderwagen-artige Klappverdeck über dem Eingang zur Kajüte. Es gibt selbstholende Winschen zum Segelsetzen und Reffen links und rechts neben dem Schiebeluk. Ohne das Geklöter des Klappverdecks reduzieren wir die Segelfläche flotter als es auf üblichen Booten mit diesem modernen Komfort-Rollquatsch klappt. So ein Einminutenreff – es dauert leider meistens etwas länger – macht Spaß. Das ist Teil des Segelhandwerks.

Natürlich ist es ohne Klappverdeck am Wind nasser und zugiger. Man ist wirklich draußen. Aber in moderner Gore Tex Funktionskleidung wird heute nicht mehr oder Welten später gefroren. Bei Regen hilft der bewährte Südwester. Als es im Juli einige Tage irisch bis schottisch regnete haben wir bei Baltic Kölln in Burg auf Fehmarn gescheite Regenhüte gekauft. Die sind praktischer als die Kapuzen der Seglerjacken. Der Kopf bleibt beweglich und – ganz wichtig beim Segeln – man hört was.

Fehlt noch die Note: Mit der Sensation mühelos schneller Kurse, als das Boot mit Fock und Groß oder Angstlappen und ein bis zweifach gerefftem Groß undazugelogene 8 ½ bis 9 ½ Knoten am Wind lief, kriegt der Sommer 2017 eine Eins –. Das Minus für die Gewitter. Macht für die vergangenen drei Sommer einen Schnitt von 1,6. Was gibt’s da bitte noch zu jammern?