Was für ein Fest

Ein Samstagabend an der südlichen Einfahrt zum Großen Belt. Nach einigen Stunden bei wenig bis gerade noch segelbarem Wind hat sich der Nordwest zur konstanten Abendbrise verstetigt. Wir dümpeln nicht mehr mit müßigen 0,8 bis knapp drei Knoten durch die weite Wasserfläche der Kieler Bucht. Jetzt jagen wir mit rauschender Fahrt dem Ostufer Langelands entgegen. Lange sah es so aus, als würden wir es ohne Motor nicht bis Dänemark schaffen. Spät ist’s geworden, aber die Südspitze der Insel liegt schon fast achteraus. Iris genießt das Bordleben, Bruno steuert. Jan fotografiert. Ich hocke zufrieden auf dem Vorschiff und gucke mir die Bugwelle an.

Der schwimmende Palast der Color Line ist auf seinem Kurs von Kiel nach Oslo vorbei gerauscht. Vorhin haben wir einem riesigen, aus dem Fehmarnbelt kommenden Massengutfrachter Platz zum Einfädeln ins DW 19 Fahrwasser gemacht. Im August wird es spät dunkel. Mit Echolot läßt sich auch in der Dämmerung dem sanft ansteigenden Ufer entgegen segeln, anhalten und ankern. Wir haben Zeit.

Die eng getaktete Agenda des Arbeitslebens, den Zwang des für einen Leichtwindtag zu weit gesteckten Törnziels haben wir achteraus gelassen. Wir haben die langsame Fahrt durch das ölig schimmernde, kaum vom Wind geschuppte Meer in der Hohwachter Bucht ertragen. Umso mehr genießen wir nun die Brise von guten drei Windstärken.

Leichtwindbummeln in der Kieler Bucht

Leichtwindbummeln in der Kieler Bucht

Ich denke über das heute übliche zahlenfixierte Leistungsdenken nach. Vielen Seglern sind der Logbucheintrag, das Meilenbuch, die Statistik enorm wichtig. Das paßt aber nicht zum Genuß-, Fahrten- und Bummelsegeln. Segeln ist eine Outdoorsportart, deren Planung schnell futsch sein kann. Flaute, Wind aus der falschen Richtung – er weht ohnehin meist vom Ziel – eine lästige Dünung machen den daheim ausgearbeiteten Törnplan zur Makulatur. Wozu es dann mit Griff zum Zündschlüssel und 2.500 U/min erzwingen? Praktisch jede Chartercrew ist heute bei Wind aus allen erdenklichen Richtungen, auch günstigen, mit Maschine unterwegs. Es fehlen Geduld, Geschick, und die Gelassenheit das Beste aus dem Wind zu machen, auch die Demut, mal eine Flaute zu ertragen. Vielleicht liegt es auch an den Booten: das moderne schwerfällige Raumwunder steht bei zwei Windstärken träge im Meer herum. Es stellt in der Reibfläche zwischen Wind und Wasser keinen Kontakt zu den Gegebenheiten her.

Als der Wind vorhin kam, strich er zunächst unsichtbar einige Meter über das Wasser. Er war anfangs zaghaft, dann deutlich an den gefüllten Tüchern zu spüren. Gamle Swede legte sich etwas auf die Seite und stob durch das spiegelglatte Meer – was für ein Fest!