Was ich zum Segeln brauche

Bei Bootsmessen, einem Blick in Zeitschriften oder Kataloge der Bootsausrüster staune ich immer, was es alles gibt. AIS-Tracker für Schiffsinfos, motorisierte Ankerwinschen, Bugstrahlruder, Radar, Satcom-Kuppeln, Sonnenkollektoren, Windgeneratoren, Windmessanlagen, fließend warmes Wasser, Heizung, Klimaanlage und weitere elektrische oder hydraulische Helfer.

Selbstholende Winschen für Backstag und Vorschot

Selbstholende Winschen für Backstag und Vorschot

Ich kann hier nicht den nautischen Minimalismus predigen, wie ihn der legendäre Weltumsegler und Aussteiger Bernard Moitessier einst mit seiner Joshua auf die Spitze trieb. Er segelte mit abgelegten Telegrafenmasten, Sextant und einem Handpeilkompass um die Welt. Denn ich finde technischen Fortschritt prima. Die selbstholende Winsch beispielsweise, wo Fall oder Schot beim Dichtholen nicht mehr zusätzlich zum Kurbeln von Hand gezogen werden muss, ist Klasse. Sie ist praktischer als herkömmliche Winschen, wie sie früher auf Gamle Swede als einfache Trommeln installiert waren. Der Schwabe Rudi Magg – am Bodensee durch Speedwave bekannt – verwandelte die Winsch 1974 in den einhändig bedienbaren Schotautomaten für Regatta- und Solosegler. Eine Hand zum Festhalten oder Steuern, eine für die Winsch. Mit beiden Händen an der Kurbel geht’s schneller. Deshalb erhielt Gamle Swede vor einigen Jahren acht pflegeleichte Winschen aus Edelstahl und dazu Kurbeln mit Doppelgriff. Auch eine Innovation, die von der Regattabahn kommt.

Ich mag es analog

Bewährt: das Hoodsche Profilvorstag

Bewährt: das Hoodsche Profilvorstag

Mit einem Doppelnut Profilstag – es wurde 1974 von Ted Hood zur Verteidigung des America’s Cup als sogenanntes Gemini Stag erfunden – gehen Segelwechsel schneller als mit herkömmlichen Stagreitern. Das gab es mal bei der Firma Reckmann als Modell Zwilling. Eine Rollanlage kommt nicht in Frage. Rollsegel stehen nicht und sind nach wenigen Jahren hin. Außerdem macht traditionelles Segelhandwerk mit klassischem Segelsetzen, Bergen, Wechseln und Reffen Spaß.

Ein moderner Drehflügelpropeller mit widerstandsarmer Nullstellung beim Segeln ist gegenüber einem herkömmlich bremsenden Festpropeller ein Gewinn. Habe ich vor Jahren bei SPW als Variprop gekauft. Ausgezeichnet. Eine gute Kühlbox, eine Druckwasserpumpe zum Duschen an und unter Deck finde ich auch praktisch. Leider braucht die Kühlbox eine große und schwere 140-Amperestunden Batterie. Diese wiederum ein modernes geregeltes Ladegerät. Wenn das einmal mit guten Komponenten – ich entschied mich auch der guten Beratung halber für Philippi – und einer einwandfreien Elektroinstallation richtig gelöst ist, gewinnt der Fahrtensegler die Freiheit draußen zu bleiben und oft zu Ankern.

Der 15 Zoll Windex langt

Der 15 Zoll Windex langt

Aber eine Windmessanlage und den ganzen, in wenigen Jahren hinfälligen oder obsoleten Kommunikationskrempel brauche ich zum Ostseesegeln nicht. Ich mag es analog. Das Tolle am Segeln ist für mich den Wind bereits mit Blick auf das geschuppte, gekräuselte oder schäumende Wasser zu sehen. Seine Richtung zeigt der genial einfache Windpfeil vom Typ Windex 15 präzise an. Dessen 38 Zentimeter lassen sich auch weit oben am Top gut erkennen. Er ist wie ein Kompass auf einem Saphir gelagert und dreht sich bereits in einem Hauch von Wind.

Besser als mit dieser Hilfe lässt sich nur mit Windfäden im Vorsegel, sogenannten Spionen, an den Wind gehen. Eine Windmessanlage brauche ich nicht. Manchmal wäre es natürlich interessant zu wissen, wie stark die Böen tagsüber beim Segeln waren. Oder ich möchte mal im sicheren Hafen erfahren, wie es draußen pfeift. Das wäre in meinen Augen dann Unterhaltungselektronik.

Ankern ist mit einem handlichen 16 Kilo Anker, ganzen sechs Metern Kettenvorlauf und einer langen Leine einfacher als mit einem Ankerspill, dessen Betrieb per Kettennuss eine lange, schwere und absehbar rostende Kette verlangt. Den Anker mit Spill bergen, dauert mir zu lange. Die erforderliche Installation, bestehend aus separater Batterie im Vorschiff mit Kabeln, Ankerwinsch und Kette wiegt. 100 Kilo extra vorne im Bug passen nicht zu diesem leichten und langen Boot. Das Spill ist bei vielen Booten Gegenstand endlosen Ärgers. Der Mix verschiedener Metalle (Stichwort Elektrolyse) lässt die Ankerwinsch bald „blühen“. Hinzu kommt die Fehlbedienung (Überlastung von Motor und Bremse).

Begegnung mit Tanker

Das heute übliche Bugstrahlruder wäre beim Manövrieren des langen Bootes in einem engen Hafen an einem windreichen Tag natürlich praktisch. Als Segler nutze ich mit Blick zum Windex oder zu den im Hafen wehenden Fahnen den Wind so, dass Geschick am Rad und Gashebel des Motors langen. Ich halte an, lasse den Wind den Bug rum drücken und fahre dann in die Box rein. Es kommt selten vor, dass ein Liegeplatz bei widrigen Bedingungen mangels Bugschraube nicht erreichbar ist. Ebenso selten brauche ich auf der sommerlichen Ostsee ein Radar oder AIS-Informationen über Kurs und Geschwindigkeit der Großschifffahrt. Wenn Gamle Swede da eindeutig vorne vorbei kommt – der Peilkompass verrät es eindeutig – halten wir Kurs. Ansonsten kriegen die großen Pötte Vortritt. Über deren Route informiert die Seekarte. Die TT-Line beispielsweise ist mit 18 Knoten unterwegs. Das gibt’s keine Experimente. Unverzichtbar sind natürlich Logge und Echolot. Da ist mit einem Raymarine ST 60+ der Nachfolger eines Autohelm Tridata 50 im Dienst. Dieses Kombi-Instrument reicht. Es hält hoffentlich so lange wie der Vorgänger.

Begegnung mit der TT-Line in der Lübecker Bucht

Begegnung mit der TT-Line in der Lübecker Bucht

Bereits die Ausrüstung, die es an Bord gibt, macht Arbeit. Die auf Gamle Swede neu installierten Beschläge waren teuer, halten aber. Acht neue Winschen, der Traveller mit den Lagern des Großschotwagens, der Motor, das Getriebe, der Drehflügelpropeller und weitere Hardware sind regelmäßig anzugucken, zu warten und auch mal zu reparieren. Hinzu kommen die Dinge, die ab Werft eigentlich hätten einwandfrei sein müssen, es aber nicht waren. Die gibt es leider an jedem Boot.

Simplicity afloat is the surest guarantee of happiness

Der amerikanische Yachtkonstrukteur Lewis Francis Herreshoff schrieb einmal: „Einfachheit auf dem Wasser ist der Garant für Glück.“ Langfahrtsegler wie Wilfried Erdmann oder Gerard Dykstra segeln gut damit. Kathena Nui und Bestevaer 2 sind zweckmäßig ausgestattete no nonsense Boote. Wilfried Erdmanns 10 m Slup ist mit Pinne statt Radsteuerung  und immer funktionierendem Bindereff statt Rollgroß unterwegs. Die Erkenntnis des holländischen Blauwasserseglers Dykstra nach Törns kreuz und quer durch den Nord- und Südatlantik: Er würde noch die Farbe auf dem Alu-Deck weglassen. Weniger geht nicht.

Nachgerüstet: Lewmar Traveller mit Easymatic Grotschot

Nachgerüstet: Lewmar Traveller mit Easymatic Großschot

Auch der versierte Regattasegler und Bootsbauer Michael Schmidt hat keine Lust auf Sachen, die theoretisch im Katalog und auf dem Messestand überzeugen. Auf seiner Brenta 80 namens Cool Breeze gibt es trotz der optischen Modernität kein Bus-System und kein elektronisches Motormanagement. Das Unterliek des Großsegels wird wie früher mit einem Flaschenzug durchgesetzt. Auch sonst hat Schmidt sich überlegt, was an Bord nützlich ist und was nur Geld kostet, Arbeit und Ärger macht.

Was brauche ich also zum Segeln? Ein Boot, das überhaupt Zeit dazu lässt.