Solent Car

Nach vielen Segeltörns mit einem unpraktischen Großschot-Arrangement war es Anfang der Neunziger Zeit für einen gescheiten Traveller. Nach einigem Grübeln kaufte ich damals ein überdimensioniertes Modell. Ich erwähne das, weil selbst dieser angeblich viel zu große Schotwagen bei frischem Wind und geschätzten zweihundert Kilo Zug auf der Großschot soeben noch auf der Schiene nach Lee rutscht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich der Schotwagen bei der vorgesehenen Arbeitslast bewegt. Sie entspricht dem Gewicht eines Kleinwagens. Sollten Sie mal in der Verlegenheit sein, dauerhaft funktionierende Beschläge für Ihr Boot zu suchen, greifen Sie tief in die Tasche und kaufen zwei bis drei Nummern zu groß.

Der Schweriner Bootsbauer Franz Köhn tischlerte damals die Schmiege für den gewölbten Reitbalken, deren Neigung vorwärts gewährleistet, dass die vorderen und hinteren Rollen des Schotwagens gleichmäßig belastet sind.

Das Schöne an guten, zur üblichen Beanspruchung passenden Beschlägen ist, dass sie lange halten. Leider lassen Salzkristalle, Schmutz oder verharztes Fett die Lager knirschen, bis die kleinen Rollen der Nadellager blockieren. Irgendwann musste der Schotwagen mit den festgebackenen Schrauben zerlegt und gereingt werden. Das ist eine übliche Wartung.

Die verdreckten Nadellager hinter angelaufenen Scheiben – Foto Erdmann Braschos

Vor zwanzig Jahren gab es bei Lewmar einen hilfsbereiten Servicemann namens Nigel Pratt, der sein Metier über das Mindestsoll des Berufs hinaus mochte. Er erklärte mir am Telefon, wie das damals schon nicht mehr erhältliche System gewartet wird. Und wie es sich mit welchen Kniffen erhalten läßt. Nach meinem Anruf quollen einige Seiten Thermopapier mit Kopien des alten Prospekts und Stücklisten aus dem Telefax. Nach einer Woche lag ein Umschlag im Briefkasten. Pratt hatte noch ein paar nützliche Teile im Regal gefunden.

So nehme ich den Schotwagen alle zwei oder drei Jahre auseinander, öffne, reinige und fette die Nadellager und baue das Ganze wieder mit Zinkpaste in den Alubohrungen zusammen. Dann rollt der Solent Car auch bei der deftigen Kreuz einwandfrei.

Die zerlegten und teils gereinigten Nadellager – Foto Erdmann Braschos

Trotz des strengen Terpentindufts ist es eine ringsum befriedigende Arbeit, die ich im Winter gerne bei einer Tasse Kaffee am Küchentisch erledige. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich den freundlichen Mister Pratt, den die moderne Wirtschaft bereits abschaffte, als das verbrauchte Wort Nachhaltigkeit noch nicht in aller Munde war.

  • Travellerschiene Lewmar Größe 2: um 13° vorwärts geneigt
  • Schotwagen: Lewmar Solent Car High Load Größe 3, max. Arbeitslast 1,8 t, Bruchlast 3,64 t, 1985 – 1991 gefertigt
  • Großschot: handliche Liros Herkules 12 mm Leine, max. Arbeitslast 1,7 t, Bruchlast 3,5 t
  • Großschotsystem: Easymatic Größe 2, Leine per Endlosspleiß 4:1 und 8:1 geschoren, mit Curryklemmen belegt, max. Arbeitslast 900 kg, Bruchlast 1,85 t

Foto oben: Der Schotwagen vor dem Zerlegen © Erdmann Braschos