Septembersegeln

Vor einigen Jahren begegnete ich in Lemkenhafen zwei Michaels aus Berlin. Gemeinsam mit André, Sonntag dann mit Carola und Christoph, verbrachten wir ein Wochenende mit Spinnakersegeln, einem interessanten Am Wind-Kurs, der Begegnung mit einem Wikingerschiff und einem Badestopp rings um Fehmarn. Seitdem sind die beiden Michaels ein bis zwei Mal jährlich an Bord. Bereits das zweite Mal begleitet von Miguel, einem Segelfreund aus ihrem Club, der Seglervereinigung 1903 Berlin. Diesmal haben sie Peter aus dem Verein shanghait.

Die hochsommerliche Hitze ist verflogen. Die Sonne zieht in einer flachen Bahn über die Ostsee, hat aber noch Kraft. Im blauen Himmel über uns formieren sich die Gänse zum Flug.

Die Wettervorhersage verspricht für die Lübecker Bucht eine mittlere Brise aus Süd, bis Montag auf West drehend und nachlassend. Da ist unser Törnprogramm sonnenklar. Wir werden köstliche Am Wind Kurse segeln. Es geht durch den Fehmarnsund und von dort 24 Meilen nach Kühlungsborn. Der ältere Michael steuert. Wir genießen die wunderbar weiche Luft und die spätsommerliche Brise.  Das Wasser wärmt den Wind. Als er draußen vor Staberhuk auf gute Fünf auffrischt, brettern wir mit Rumpfgeschwindigkeit durch die Lübecker Bucht. Wie ein Kind freue ich mich über die Power, die in der neuen Fock steckt. Sie holt viel aus dem gestreckten, zum Genuß- und Schnellsegeln geschaffenen Boot heraus.

Auf nach Kühlungsborn © Peter Schwendke

Auf nach Kühlungsborn © Peter Schwendke

Bald ist die sogenannte Kühlung, das Mittelgebirge über Kühlungsborn mit dem Diedrichshagener Berg zu sehen. Nachmittags leuchten die Wiesen des Hügellandes rings um den Leuchtturm von Buk in kräftigem Grün. Das Westufer der Lübecker Bucht bezaubert um diese Tageszeit.

In der komfortablen Marina von Kühlungsborn beschließen wir den Segeltag mit einem Abendessen in der Plicht. Es gibt viel zu erzählen aus unserem Leben der vergangenen Monate. Auch lassen wir den beglückenden Segeltag Revue passieren, als das Boot mit dachschrägem Deck durchs Meer jagte.

Abends und in der Nacht kündigen kühle Stunden den bevorstehenden Herbst an. Der nächste Tag beginnt für mich mit einem Stündchen Bootspflege. Peter näht neue Spione ans Achterliek des Großsegels. Am Nachmittag beschert uns der kräftige Südwest deftigen Segelgenuß. Am Wind steuern wir an Rerik, den Halbinseln Wustrow und Poel entlang die weit geschwungene, idyllische Wohlenberger Wiek an. Miguel kontrolliert mit seinem Hand-GPS unseren Kurs durch die Untiefen und unzähligen Tonnen des Wismarer Außenfahrwassers.

Wenige Bootslängen in Luv eines entgegen kommenden Kümo schütten wir die Reffs aus dem Großsegel aus. Ich muß das Boot dabei gut am Wind halten, sonst reißt die Strömung ab und wir treiben quer. Doch sind wir so eingespielt, dass ich keine Sorge habe, der Bug des allein von der Fo

Miguel und die beiden Michaels aus Berlin © Erdmann Braschos

Miguel und die beiden Michaels aus Berlin © Erdmann Braschos

ck bewegten Bootes könne wegklappen und uns steuer- und hilflos vor den Stahlpott treiben lassen. Es ist wunderbar mit Gästen zu Segeln, die etwas können und das Boot von früheren Törns noch kennen. Sie nehmen das Segelhandwerk ernst, betreiben es aber nicht verkniffen.

Im Schutz der Tarnewitzer Huk pflügen wir dann der Dämmerung ungebremst durch herrlich glattes Wasser. Ein magischer Moment. Es sind die absehbar letzten, entsprechend kostbaren Segelstunden der Saison. Septembersegeln.

Weiter drinnen in der Bucht flaut der Wind auf ganze Zwei ab. Dennoch laufen wir immer noch so gut, wie ein anderes Boot zum Hafen motort. Abends in der Marina Boltenhagen gibt es einen raffinierten Kartoffelsalat mit Bohnen, den Peter bereits in Kühlungsborn fabriziert hat, ein angenehm zurückhaltender Mann und sehr aufmerksamer Segler, dem keine Irritationen der Spione vorn in der Fock und achtern am Großsegel entgehen. Ein Männertörn im besten Sinn: kaum Alkohol, keine Klopfer oder derbe Sprüche. Jungs, kommt mal wieder und bringt bitte den piekfeinen Peter mit!

Foto oben: Michael, Peter und der ältere Michael von der Seglervereinigung 1903 Berlin unterwegs im östlichen Fehmarnsund © Miguel Razuk Neumann. Video von Miguel Razuk Neumann