Können wir einfach so hier bleiben?

Diese Frage wird mir bei der Ansteuerung eines Ankerplatzes oft gestellt. Auch beim Vertäuen der Ankerleine am Bug und Aufhängen des vorgeschriebenen Ankerballs gibt es bei den Mitseglern noch skeptische Blicke. Verstehe ich gut. Denn wir modernen Menschen sind dem Draußensein entwöhnte Haustiere. Ständig sind wir in geschützten Räumen: Unterwegs zur Arbeit, beim Arbeiten und natürlich zu Hause.

Aber diesmal bleiben wir nach einem langen Segeltag draußen, auf der freien Wasserfläche. Wir gehen nicht in einen Hafen, wo es den üblichen Komfort wie fließend warmes Wasser, 220 Volt, WLAN und Brötchen gibt. Gamle Swede ist mit einer im Wasser verschwindenden Leine mit dem Land verbunden. Nicht an vier sichbar mit dem Land und Pfählen verbundenen Trossen. Das ist manchem Mitsegler erst mal suspekt.

An der Ostsee wird wenig geankert. Praktisch alle Boote verlassen morgens einen Hafen, um nachmittags einen anderen für die Nacht anzusteuern. Dort liegen die Boote dann nebeneinander wie Ölsardinen in der Dose. Dieses seltsame Ritual hat wohl mit dem Herdentrieb des Menschen zu tun. Wenn Wind und Seegang es zulassen und die Mitsegler einverstanden sind, ankern wir und genießen die Freiheit des Vagabundenlebens auf dem Wasser. Diese Freiheit fängt bereits damit an, dass wir den ganzen Nachmittag und weit bis in den Abend hinein ohne Zeitdruck und Gedanken an einen Liegeplatz Segelbummeln können. Der Ankerplatz wird wie früher üblich unter Segeln angesteuert. Auf vier Metern Tiefe drehen wir den Bug in den Wind. Die Fock rutscht an Deck.Die ersten Meter des kurzen Kettenvorlaufs werden von Hand über die Bugrolle abgelassen. Ich gebe immer reichlich Leine. Etwa das fünffache der Wassertiefe. Dann hält der Anker immer.

Das Boot treibt im Wind zurück und findet an der Leine seinen Platz. Wir lösen das Großfall und tuchen das Groß auf. Vorsegel legen, Schoten aufräumen. Der Ankerball wird am Vorschiff aufgehängt – fertig.

In der Bootsführerscheinschule lernt man, den Anker mit Rückwärtsfahrt einzugraben. Das mache ich nur, wo das Boot mit Rücksicht auf Nachbarn, Bojen oder Fischernetze nicht nach achtern treiben darf. Oder wo das Ruder im flachen Wasser aufsetzen könnte.  Wer den Anker nicht eingräbt, muß ihn am nächste Morgen nicht mühsam aus dem Sand, Schlick oder Modder zerren. Bei ruhigem Wetter halten das bloße Gewicht des Ankers und des Kettenvorlaufs das Boot an seinem Platz.

Ich ankere möglichst bei ablandigem Wind an einem Ufer. Da spielt es keine Rolle, wenn der Anker mal einige Bootslängen rutscht. Bei Flaute bleiben wir weiter draußen. Da gibt es in der Dämmerung hoffentlich keine Mücken. Es ist herrlich im Idyll eines Ankerplatzes das Vogelgezwitscher oder die kleinen Wellen am Strand zu hören. Beim Abendessen in der großen Mittelplicht klingt mit den Segelfreunden der Tag aus.

Morgens werde ich vom Plätschern des Wassers an der Bordwand geweckt. Ich steige in die schönste Badeanstalt der Welt, das Meer. Nach einer Dusche mit fließend kaltem Wasser auf dem Vordeck wird die Bialetti für den ersten Kaffee klar gemacht. Kann ein Segeltag schöner beginnen?