Keldsnor Fyr

Der Wetterbericht hat für das erste Septemberwochenende sonniges Wetter und ein laues Lüftchen angekündigt. Da es die Tage vorher auch ruhig war, wird die Ostsee glatt sein wie die Hamburger Binnenalster. Jens und Sascha sind aus Dresden zum Segeln gekommen. Die Beiden waren vor Jahren schon mal an Bord. Damals hatte Sascha von seiner Freundin ein Segelwochenende geschenkt bekommen, ein besondereres Erlebnis statt einer Sache. Erwachsene haben ja meist alles. Diesmal waren es seine Kollegen, die ihm anlässlich seines fünftigsten Geburtstags eine Auszeit vom Arbeits- und Landleben schenkten.

Sascha aus Dresden steuert

Sascha aus Dresden steuert

Unterwegs Richtung Kiel

Unterwegs Richtung Kiel

Erste Erkenntnis nach der Begrüßung. Zwar sind wir eine Idee älter geworden, aber zweitens ist die Segelbegeisterung ungebremst und das Boot den Beiden noch vertraut. Drittens scheint die Chemie auch mit Carola und Christoph zu stimmen. Das Ehepaar lebt im Alten Land gleich südlich der Elbe und ist ein bis zwei mal im Jahr dabei. Also Motor an, Leinen los. Ich ziehe das Boot rückwärts aus dem Liegeplatz, drehe, das Heck ins Nachbarbecken schwenkend, die 16 Meter vor der Hafeneinfahrt und bringe sie zur Passage der Rinne auf Kurs. Dann übergebe ich das Steuer. „Die roten Pricken bleiben diesmal rechts – steuerbord – weil die Betonnung auf einlaufende Boote abgestimmt ist und wir raus fahren. Ansonsten ist die Handhabung des Bootes unter Motor wie ein Auto lenken.“ So einfach ist das.

kleines Anretning

kleines Anretning

Langeland in Sicht

Langeland in Sicht

Am Ende des Fahrwassers setzen wir Großsegel und Genua. Bald zieht Gamle Swede hoch am Wind durch die kaum vom Wind geschuppte Orther Bucht. Schärenkreuzer sind Leichtwindmühlen. Die machen aus fast Nichts schon ein paar gescheite Knoten. Jens und Sascha lächeln. Sie sind zum Segeln gekommen und genau das machen wir. Die grün über dem Sand schimmernde Ostsee zeigt, wie dicht wir die Untiefe Krumm Steert nehmen können. Die Brise des Tages weht unschlüssig mit lauen Eins bis ermutigenden 2 1/2 Windstärken. Sie hat sich noch nicht zwischen Nordwest und West entschieden. Na, machen wir erst mal einen langen Schlag so grob Richtung Kiel und schauen, was heute geht. Ich schlage vor, das schöne Wetter zu nutzen und irgendwo vor einem dänischen Strand, wo nichts los ist und kein Schwein außer uns hin will, zu ankern. Am einsamen Südstrand Lollands ließe sich beim üblichen Westwind und bereits etwas Seegang kaum auf der freien Wasserfläche übernachten. Dieses Wochenende würde es gehen.

Draußen vor Heiligenhafen entspinnt sich ein Gespräch über unser Landleben. Carola erzählt vor ihrer Arbeit als Heilpraktikerin. Ihr Mann Christoph ist als Coach der geborene Gesprächweitertreiber. Sascha steuert und berichtet, wie er als Selbstständiger bei allem Konkurrenzdruck zufrieden und einkömmlich arbeitet. Jens ist Mathematiker und wird uns später mit Kostproben seines staubtrockenen Humors unterhalten.

Langeland in Sicht

Im Bann der Farben

Saschas sächsische Mundart mischt sich mit der schwäbischen seines Segelfreundes Jens. Ansonsten wird an Bord astreines Hochdeutsch gesprochen, mit leicht südwestfälischem Einschlag meinerseits. Ich finde es erstaunlich, wie einander vor einer Stunde noch fremde Leute an Bord zusammenfinden und ein tiefgängig ernstes Gespräch jenseits von Smalltalk und Gemeinplätzen zustande kommt. Der Kaffee und der entspannende Segeltag tragen dazu bei.

Abendstimmung südlich des Großen Belts

Abendstimmung südlich des Großen Belts

Es wird Nachmittag. Leider nimmt der Wind ab und dreht dermaßen auf Nord, dass wir nach der Wende eher nach Fehmarn zurück als gen Dänemark segeln. Nach einem kleinen quasi dänischen Anretning, mit Bordmitteln liebevoll zubereitet und in Deutschland als Stullen mit vorab gereichtem Gemüseteller bekannt, überlegt es sich der Wind nochmal anders. Als wir die Dampferroute des Kiel-Ostsee-Wegs passieren ist absehbar, dass wir es bis Langeland schaffen.

Die Südspitze Langelands

Die Südspitze Langelands

Abends mischen sich schmutzig graue Wolken mit den zarten Farben des Sonnenuntergangs. Der Anblick versöhnt uns mit der Notwendigkeit, die letzten Meilen zum südlichen Ende Langelands zu motoren. Der dortige Leuchtturm weist uns vor dem pastellfarbenen Abendhimmel den Weg. Fast zu Füßen des Turms ankern wir auf fünf Metern Wasser.  Manchmal schaukelt das Boot im Schwell der großen Schiffe, die weit draußen wie beleuchtete Städte vorbei zogen. Die Kühle des Herbstes kündigt sich im ausklingenden Sommer an.

Einige Male bin ich an der Südspitze Langelands vorbei gesegelt. Doch nie nah genug und mit der Muße, mir den Leuchtturm richtig an zu gucken. Am nächsten Morgen ist das Bauwerk von 1905 zu sehen, dessen viereckiger, kampanileartiger Turm das benachbarte Gehöft überragt. Keldsnor Fyr.

Dank an Jens Strehle für die Fotos