Bewährt: das Hoodsche Profilvorstag

Hood Gemini # 12

Rollanlagen sind eine feine Sache. Man zieht an der Schot und das Segel schnurrt in wenigen Sekunden vom Vorstag oder wickelt sich aus dem Mast. Dichtholen, belegen, fertig. Genauso bequem ist das Bergen. Schoten fieren, an der Bergeleine ziehen und die Tücher wickeln sich wie eine Markise ums Vorstag oder verschwinden im Mast. Eine pfiffige Sache, die das Tourensegeln gerade für ältere Leute bequem und sicher macht. Große Boote werden durch die Technik überhaupt erst beherrschbar. Auch Einhandsegler verdanken der Rollanlage viel. So ist heute praktisch jedes Boot mindestens mit einer Vorsegelrollanlage unterwegs.

Im Herbst 1998 begegnete ich Ted Hood, dem Erfinder dieser Technik im US Bundesstaat Rhode Island in der Nähe des Seglermekka Newport. Wie praktisch alle Neuerungen im Segelsport begann die Entwicklung der modernen Segelrollanlage auf der Regattabahn. Bis in die Siebzigerjahre wurden Vorsegel an Stagreitern gesetzt, speziellen Karabinerhaken, an denen das Segel wie eine Gardine am Vorstag hängt. Eine bewährte Technik, die den Nachteil eines ungünstigen Windanschnitts hat: Verwirbelungen vom Vorstag und den Stagreitern bremsen. Die Segelwechsel dauern, weil viele Stagreiter mit klammen Fingern zu öffnen sind.

Das Hoodsche Seastay - Foto Hood

Das Hoodsche Sea Stay – Foto Hood

So zog Hood 1970 erstmals ein Vorsegel durch ein Rund gewalztes Edelstahlprofil, das sogenannte Sea Stay. Eine pfiffige Sache, die den Windanschnitt des Segels deutlich verbessert und Vorsegelwechsel beschleunigt. Der Nachteil ist, dass das Boot bei einem Segelwechsel dennoch quälende Minuten verliert. So entwickelte Hood ein Profilstag mit zwei nebeneinander angebrachten Hohlkehlen, das sogenannte Gemini-Stag. Damit ließ sich das neue Vorsegel in der freien Nut setzen und trimmen, bevor das alte geborgen wird. Jetzt waren Wäschewechsel auf dem Vorschiff fast ohne Fahrtverlust möglich. Mit diesem Stag verteidigte Hood als Steuermann des Zwölfers Courageous 1974 den Amerika Pokal vor Newport. „Die Idee war eigentlich ganz einfach“ berichtete Hood in typischer Bescheidenheit. „Die Hohlkehlen waren für die Aufnahme eines Vorliektaues mit 1/8 Inch Durchmesser (3,17 mm) gemacht und erwiesen sich als zuverlässig. Das Segel wird von unten durch eine Zuführung, dann durch den Einfädler in die Schiene gezogen.“

Das Hoodsche Gemini Profilvorstag - Foto Hood

Das Hoodsche Gemini Profilvorstag – Foto Hood

Aus diesem Stag wurde dann die Hoodsche Sea Furl Rollanlage, wo die Aluminiumhülse oben und unten auf Lagern montiert ist und von einer Trommel von der Bergeleine gedreht wird. Dieser Mechanismus lässt sich auf einem Vorstag betreiben oder in einem speziellen Mastprofil als Großsegel-Rollanlage. Soweit die Geschichte – und schöne Theorie.

Gamle Swede hat aus guten Gründen keine Rollanlage, sondern das beschriebene Gemini Regatta-Profistag. Mir geht es vorrangig um vergnügliches, schnelles und sicheres Am Wind Segeln. Voraussetzung dazu sind gut stehende, zum Wind passende Tücher. Das bedeutet, dass die universelle 30 qm Fock bei zunehmendem Wind durch ein kleineres Starkwindsegel, den neuen 19 qm Yankee, ersetzt wird. Abends wird das Vorsegel zusammengelegt und im 4 m langen Segelsack unter dem Reißverschluß verstaut. Das ist in wenigen Minuten gemacht. Das Großsegel wird auf fast 5 Metern Unterliek auf dem Baum zusammengelegt. Meist mache ich es, weil ich damit etwas Übung habe.

Nach meiner Beobachtung ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis von Segelrollanlagen, dass sie nicht fehlbedienungssicher sind, gelegentlich ausfallen und der Verschleiß enorm ist. Hinzu kommt, dass Rollsegel anders geschnitten werden müssen. Hier ist ein Kompromiss zugunsten der Rollanlage nötig. Ein profiliertes, bauchiges Segel lässt sich nicht wie eine Markise aufwickeln.

Der größte Nachteil von Rollanlagen ist, dass das teils aufgewickelte Tuch Beanspruchungen ausgesetzt ist, für das es nicht gemacht ist. Eine Genua lässt sich bei Starkwind, wo beim Am Wind Kurs ein flaches Profil gefragt ist, nicht gescheit dichtholen. Anders sieht es bei den Regattabooten der Einhandsegler und sehr großen Yachten mit zwei oder drei hintereinander angeordneten Vorstagen aus. Dort werden die Segel entweder komplett gesetzt oder eingerollt und das nächstkleinere oder -größere ist im Einsatz. Der Verschleiß wird zugunsten des Komforts in Kauf genommen.

Gamle Swede bei Starkwind: Mit passenden Tüchern durhc Dick und dünn - Foto Malsegeln

Gamle Swede bei Starkwind: Mit passenden Tüchern durch Dick und dünn – Foto Malsegeln

Bei einer Gewitterböe oder einem Starkwindtag hängt Wohl und Wehe des Bootes von der dünnen Bergeleine ab, die das teils eingerollte Segel auf der Rollanlage hält. Mit einer zum Wind und Seegang passenden Sturmfock aus schwerem Tuch gibt es diese Sorge nicht.

Foto oben von Sören Hese/Sailpower: Gamle Swede mit Genua II am Profilstag.