Guter alter Kleiderbügel

Seit 1963 überwölbt die Fehmarnsundbrücke die Meerenge zwischen dem Festland und Fehmarn. Von Bord aus gesehen erscheint die Ostsee dies- und jenseits der Spannbogenbrücke wie zwei getrennte Meere. Abgesehen von schemenhaften Küstenstrichen sind in der Mecklenburger und der Kieler Bucht bis zum Horizont nur Wasser zu sehen.

Ostwärts lockt hinter der Kadetrinne der Darss, die Insel Hiddensee und das idyllische Boddengewässer Rügens, geht es nach Klintholm oder Kopenhagen. Eigentlich ist die Fehmarnsundbrücke für den Segler aber das Tor zum Westen. Von diesem nautischen Nadelöhr ist es ein Tagestörn nach Kiel, zur dänischen Südsee, bis Bagenkop auf Langeland oder Marstal auf Ærø.

Kleiderbügel achteraus © Barbara Wasner

Kleiderbügel achteraus © Barbara Wasner

Früher, als das Boot in der Trave lag, war der Fehmarnsund bei frischem Westwind eine Prüfung. Bei üblichem Wind, der ab Dahmeshöved ziemlich sicher vorlich weht und zunimmt, lässt sich die schmale Rinne in der Meerenge zwischen Großenbrode und Burgtiefe soeben noch direkt ansteuern. Soweit wir das Großsegel nicht bereits vor Dahme verkleinert haben, ist spätestens, wenn sich der markante Bogen der Brücke weit draußen vor Großenbrode zeigt, Zeit für das erste oder zweite Reff. Die Kreuz durch das schmale Fahrwasser war und ist Ehrensache. Schärenkreuzer sind dafür gemacht.

Wir fädeln zwischen dem zweiten und dritten Paar des östlichen Fehmarnsund Fahrwassers ein. Es läßt sich immer einige Bootslängen über das Fahrwasser hinaus Richtung Mittelgrund kreuzen. Zwischen den Häfen Großenbroderfähre und der Martin Werft sind dann wieder lange Schläge drin. So wird der Sund segelbar, auch wenn Viel stumpf von vorne kommt. Unter der 240 m breiten Brücke wird der Wind böig, dreht nochmal auf. Oft ist die Kreuz durch die umströmten Pfeiler wie Segeln auf einem Fluss. Dann wenden wir neben, niemals vor den Pfeilern.

Als es die Brücke noch nicht gab, nahmen Insulaner und Urlauber zwischen Großenbroderfähre und dem Hafen der heutigen Martin Werft eine kleine Fähre. Damals war Fehmarn noch eine richtige Insel. Inseln kosten genau das, was der moderne Mitteleuropäer und Stadtmensch angeblich nicht mehr hat, Zeit. Manchmal möchte ich kein Mitteleuropäer und Stadtmensch sein.

Als Bauwerk der Sechzigerjahre verkörpert die Fehmarnsundbrücke Aufbruch, Optimismus und Mobilität des Wirtschaftswunders. Mit dem Anschluss der Insel über die durchgehend befahrbare Bundesstraße und per Bahn rückte Dänemark näher. Zuvor musste sich der Dänemarkreisende in Großenbrode für die langwierige Fährpassage bis Gedser einschiffen. Er mußte aus- und sogar umsteigen. Jetzt ging es auf der sogenannten Vogelfluglinie schnurstraks nordwärts über die Schnellstraße bis Puttgarden.

Gegenverkehr im Fehmarnsund © Barbara Wasner

Gegenverkehr im Fehmarnsund © Barbara Wasner

Eigentlich mag ich Brücken nicht. Schwindel erregend hohe Bauwerke, die über das Boot ragen, erscheinen mir unheimlich. Der permanent über die E 47 eilende Verkehr paßt nicht zum Bordleben. Wenn ein Zug drüber rollt, erschreckt die Brücke wie ein grollendes Ungeheuer.

Mit ihrem markanten Bogen wurde die Fehmarnsundbrücke zum Wahrzeichen Fehmarns. Die Einheimischen nennen sie liebevoll Kleiderbügel. An klaren Tagen weit draußen von der Kieler Bucht kommend hebt sich ihr filigraner Bogen vom blauen Himmel ab. In der niedrigen Abendsonne zeigt sich der Kleiderbügel dann in seiner wahrem Farbe, dezentem Lindgrün. Im Juni 17 wehte mich mal ein entsetzlicher Sturm von Dänemark nach Fehmarn. Hinter Langeland klatschte eine üble Welle auf’s Achterdeck. Der Wind zerrte das Boot nur mit der Sturmfock durch das aufgewühlte Meer. Die Hohwachter Bucht war von langen weißen Gischtbahnen überzogen. Ich fragte mich, was ich gerade hier mache.  Aber vorne war seit Stunden der gute alte Kleiderbügel zu sehen. Unbeirrt stand er auf seinen breiten Schultern in diesem schäumenden Inferno und wies mir den Weg. Seitdem mag ich diese Brücke.

Foto oben: Die Fehmarnsundbrücke von Westen © Miguel Razuk Neumann