Ein zentraler Gesichtspunkt

Sind Sie schon mal mit Ihrem Auto im Winter mit teils enteister Scheibe losgefahren? Dann kennen Sie die Beklemmung mit eingeschränkter Sicht unterwegs zu sein. Diesen Zustand gab es bei Gamle Swede in Gestalt eines Sprayhood bis in die Achtzigerjahre auch. Sprayhood wird das Kinderwagen-ähnliche Klappverdeck vor der Sitzmulde praktisch jeder Fahrtenyacht genannt. Es schützt angenehm vor Wind, Spritzwasser und Regen. Leider hat man damit schlechte Sicht nach vorne. Zwar gibt es ein Fenster aus transparenter Folie. Es bietet aber wegen Spiegelungen, Wassertropfen außen oder Kondenswasser innen selten Durchblick.

Segeln mit Übersicht © Barbara Wasner

Segeln mit Übersicht © Barbara Wasner

Man sieht nicht, wo die Reise hingeht. Das ist für Segler, die zur Seekrankheit neigen, sprichwörtlich zum Kotzen. Hinzu kam noch ein kopfüber auf dem Kajütdach gestautes starres Beiboot. Einzig der Steuermann hatte mit einigen Verrenkungen stehend Blick nach vorn. Diesen unhaltbaren Zustand habe ich beseitigt. Erst wurde das Sprayhood abgenommen, dann das sperrige Beiboot durch ein Schlauchboot ersetzt. Seitdem segele ich mit leerem Kajütdach und ungehinderter Sicht.

Gamle Swede Plicht ohne Sprayhood © Erdmann Braschos

Gamle Swede Plicht ohne Sprayhood © Erdmann Braschos

Zugleich vereinfachte die Maßnahme das Segelsetzen und Reffen des Großsegels enorm. Früher störten die Bügel oder der Stoff des Sprayhood die Bedienung der Winschen. Die Arbeitsposition an den vier neuen selbstholenden Andersen Trommeln im Cockpit stehend oder seitlich rittlings auf dem breiten Süllrand hockend ist ideal für schnelle Manöver mit surrenden Winschen. Das moderne Bindereff für das Großsegel, wo die Leinen vom Achterliek durch den Baum zum Mast und von dort zum Cockpit geführt sind, heisst nicht umsonst Schnellreff. Ohne störenden Klöterkran ist das eine Sache weniger Handgriffe, die auch von Segeleinsteigern gerne erledigt wird. Traditionelles Segelhandwerk macht Spaß.

Segeln mit Übersicht © Dr. Jan Schulte-Hillen

Segeln mit Übersicht © Dr. Jan Schulte-Hillen

Vor allem ist das ab- und aufgeräumte Deck ein Gewinn für das Wohlbefinden an Bord. Denn der niedrige, seit einigen Jahren unverbaute Kajütaufbau bietet ungehindert Sicht. Jeder in der Sitzkuhle zwischen Vorder- und Achterkajüte sitzende Segler hat einen 360° Blick aufs Wasser und vor allem – ganz wichtig – nach vorn. Dann wird ihm bei Seegang gar nicht oder später mulmig. Der Blickkontakt aufs Wasser, zum Horizont oder das voraus liegende Land ist ein zentraler Gesichtpunkt. Ich weiß genau, wenn Mitsegler in bewegtem Wasser zunächst still, dann unübersehbar müde werden. Dann heißt es nach vorne gucken oder besser noch steuern.

Der amerikanische Bootskonstrukteur und Bootsbauer, Regatta- und Hochseesegler Ted Hood formulierte einmal die Regel, wonach der Steuermann aus Sicherheitgründen mindestens das vordere Viertel des Decks ungehindert sehen muss. Weil er nur so mitbekommt, ob die Crew beim Bergen des Ankers oder eines Vorsegels klar kommt. Dieser Gesichtspunkt wird vom modernen Bootsbau, wo es fast ausschließlich um den Komfort im Hafen und Platz unter Deck geht, vernachlässigt. Bei Gamle Swede geht es um’s Segeln.