Die Neue

Sie hat acht Quadratmeter mehr als die alte Fock, ist aus schwerem Tuch und wurde von einem Segelmacher genäht, der sein Handwerk versteht. Ihr Achterliek wurde wie beim Großsegel mit einer oben durchgehenden Latte und drei etwas kürzeren Latten darunter stabilisiert. Deshalb lässt sich die neue Fock nicht wie die anderen Vorsegel in einem handlichen Sack unter Deck verstauen. Sie wird wie ein Regattasegel über das Unterliek gelegt und vor UV-Licht und Nässe in einem vier Meter langen Schlauch geschützt.

In der Marina Kühlungsborn © Peter Schwendke

In der Marina Kühlungsborn © Peter Schwendke

Als der Segelmacher im Herbst die neue Fock an Bord ausmaß, wollte ich ein schweres, haltbares Tuch mit reichlich Festigkeitsreserve. Keinen Schnickschnack, auf gar keinen Fall ein kurzlebiges Foliensegel. Ich wollte eine Fock, die auch mal bei reichlich Wind von vorne oben bleiben kann, ohne dass sie ausleiert und hin ist. Dafür nehme ich das Gewicht und das unhandliche Tuch in Kauf.

Blick aus dem Badezimmer © Erdmann Braschos

Blick aus dem Badezimmer © Erdmann Braschos

Den Segelfreunden Julia und Göran Pohl und mir fällt beim Setzen auf, wie hart das flatternde Tuch klingt. Als ich es dichthole, bleibt mir die Spucke weg. Bereits die Fock bringt das Boot bei leichtem Wind auf Trab. Wie besprochen füllt es die Fläche zwischen Vorstag, Salingen und dem Holepunkt hinter dem Mast aus. Das Segel ist so geschnitten, dass der Holepunkt nicht am vorderen Anschlag der Holepunktschiene sitzt, sondern dahinter. So lässt er sich verstellen. Segelmacher Arnd Deutsch hat an alles gedacht.

Gegen Abend brist es vor Langeland auf gute fünf Windstärken auf. Es drückt das Deck fast in die Ostsee. Göran steuert. Wir brettern im Schutz von Aerø mit gerefftem Groß bei 8 ½ bis neun Knoten hoch am Wind durch das überwiegend glatte Wasser. Das ist Rumpfgeschwindigkeit. Es ist so viel Druck im Tuch, dass sich die Vorschot mit der 46er Andersen Winsch soeben dichtholen läßt. Das kannte ich bisher von der Sturmfock bei Starkwind. Als wir zwei Tage später durch die dänische Südsee um Tåsinge segeln und im Binnengewässer des schmalen Svendborgsund gegen die Strömung aufkreuzen, sind wir so flott unterwegs wie die urgemütlichen dänischen Motorkreuzer, die mit 5 Knoten durch die Brücke püttern.

Unterwegs nach Troense © Stephan Roepke/Picturecoast

Unterwegs nach Troense © Stephan Roepke/Picturecoast

Lange habe ich mit der neuen Fock abgewartet, weil ich zunächst Dauerthemen am Boot erledigen wollte: ein Ruder, das ohne zu klappern leichtgängig unter dem Heck dreht. Und einen Motor, der wieder anspringt wie ein Neuer. Hinzu kamen durchwachsene Erfahrungen mit Segelmachern – bei neuen Segeln, bei Reparaturen oder einer banalen Sache wie einem zum Profilstag passenden Vorliekstreifen. Vor Jahren musste ich ein Großsegel und neulich eine leider viel zu bauchige Sturmfock zurückgeben.

Die Neue bietet puren Segelgenuss. Die Sensation der neuen Fock offenbart sich bei drei bis vier Windstärken am Wind. Auch der langjährige Segelfreund Bruno aus der Crew – er ist kein Freund großer Worte – meint nach einem genüßlichen Wochendtörn Anfang August: „Fühlt sich an wie ein neues Boot.“

Segelmacher: Arnd Deutsch, Teerhofsinsel, Bad Schwartau bei Lübeck
Tuch: Dacron mit gelben Vectranfäden in Schussrichtung des Herstellers Dimension-Polyant, Markenname Vectron, Typ VEC 100
Tuchgewicht: 10,5 Unzen = 450 gr/qm (statt 350 Gramm, wie für Swede 55 empfohlen)
Schnitt: horizontale Bahnen
Verarbeitung: Achterliek mit aufgedoppeltem Tuch, lange Segellatten, Schothorn mit leinenschonend eingestanzter dicker Kausch statt des heute üblichen dünnen Nirorings
Extras: Trimmstreifen und Spione, Vorliekstreifen für das Reckmann Profilstag

Foto oben: Anfang Juli 18 vor Rudkøbing/Langeland © Stephan Roepke/Picturecoast