Die neue Swede 55 Fock

Die Neue

Sie hat acht Quadratmeter mehr als die alte Fock, ist aus besonders schwerem Tuch und wurde von einem Segelmacher genäht, der sein Handwerk versteht und es auch so ausübt. Ihr Achterliek ist wie beim Großsegel mit einer oben durchgehenden Latte und drei etwas kürzeren Latten darunter stabilisiert.

Deshalb lässt sich die neue Fock nicht wie die Genua, die alte Fock oder Sturmfock legen und als Paket gerollt in einem handlichen Sack unter Deck verstauen. Sie wird über das Unterliek in Bahnen gelegt und vor UV-Licht und Nässe in einem langen Schlauch geschützt, der oben mit einem Reißverschluss zugänglich ist.

Als der Segelmacher im Herbst die neue Fock an Bord ausmaß, wollte ich ausdrücklich ein schweres, haltbares Tuch mit reichlich Festigkeitsreserve. Keine Experimente, keinen Schnickschnack, auf gar keinen Fall ein Foliensegel. Ich wollte eine Fock, die auch mal bei zu viel Wind von vorne oben bleiben kann, ohne dass sie gleich ausleiert und hin ist. Dafür nehme ich das Gewicht und das vorerst unhandlich steife Tuch in Kauf.

Beim Setzen fällt den Segelfreunden Julia und Göran Pohl und mir auf, wie hart das flatternde Tuch klingt. Als ich es dichthole, bleibt mir die Spucke weg. Nur die Fock bringt das Boot bei leichtem Wind auf Trab. Wie besprochen füllt es die Fläche zwischen Vorstag, Salingen und dem Holepunkt hinter dem Mast aus. Das Segel ist so geschnitten, dass der Holepunkt nicht am vorderen Anschlag der Holepunktschiene sitzt, sondern dahinter. So lässt er sich verstellen. Arnd Deutsch hat an alles gedacht.

Gegen Abend brist es vor Langeland auf gute fünf Windstärken auf, in Böen sind es mehr. Es drückt das Deck fast in die Ostsee. Göran steuert. Wir brettern im Schutz von Aerø mit gerefftem Groß bei 8 ½ bis neun Knoten hoch am Wind durch das überwiegend glatte Wasser. Das ist Rumpfgeschwindigkeit. Es ist so viel Druck im Tuch, dass sich die Vorschot mit der 46er Andersen Winsch soeben dichtholen läßt. Das kannte ich bisher von der Sturmfock bei Starkwind.

Als wir zwei Tage später durch die dänische Südsee um Tåsinge segeln und im Binnengewässer des schmalen Svendborgsund gegen die Strömung aufkreuzen, sind wir so flott unterwegs wie die urgemütlichen dänischen Motorkreuzer, die mit 5 Knoten durch die Brücke püttern.

Lange habe ich mit der neuen Fock abgewartet, weil ich zunächst Dauerthemen am Boot erledigen wollte: ein Ruder, das ohne zu klappern leichtgängig unter dem Heck dreht. Und einen Motor, der wieder anspringt wie ein neuer. Hinzu kamen durchwachsene Erfahrungen mit Segelmachern – bei neuen Segeln, bei Reparaturen oder einer banalen Sache wie einem zum Profilstag passenden Vorliekstreifen. Vor Jahren musste ich ein Großsegel und neulich eine viel zu bauchige, ungeeignete Sturmfock zurückgeben.

Die 30 Quadratmeter Fock bietet puren Segelgenuss. Die Sensation der neuen Fock offenbart sich bei drei bis vier Windstärken am Wind. Auch der langjährige Segelfreund Bruno aus der Crew – er ist kein Freund großer Worte – meint nach einem genüßlichen Wochendtörn Anfang August: „Fühlt sich an wie ein neues Boot.“

Segelmacher: Arnd Deutsch, Teerhofsinsel, Bad Schwartau bei Lübeck
Tuch: Dacron mit gelben Vectranfäden in Schussrichtung des Herstellers Dimension-Polyant, Markenname Vectron, Typ VEC 100
Tuchgewicht: 10,5 Unzen = 450 gr/qm (statt 300 oder 350 Gramm, wie ursprünglich für die 7,75 t verdrängende Swede 55 empfohlen)
Schnitt: horizontale Bahnen
Verarbeitung: Achterliek mit aufgedoppeltem Tuch, lange Segellatten, Schothorn mit leinenschonend eingestanzter dicker Kausch statt des heute üblichen dünnen Nirorings
Extras: Trimmstreifen und Spione, Vorliekstreifen für das Reckmann Profilstag