Eine ungewöhnliche Replik

Als sich Glasfaser verstärkter Kunststoff in den Siebzigerjahren im Bootsbau durchsetzte, hatten die Liebhaber schöner Boote ein Problem. Ein Drachen, ein Lacustre, ein 30er Schärenkreuzer oder das charmante Folkeboot erschien gegenüber einem Serienboot aus GfK zu teuer. Denn diese Boote gab es nur in Holz. Hinzu kam die Pflege. Der Lack eines Holzbootes muß regelmäßig angeschliffen, gelegentlich komplett abgezogen und erneuert werden. Kunststoff läßt sich flott polieren. So war bereits in den Sechzigerjahren absehbar: diese wunderbaren Holzbootklassen werden auf kurz oder lang verschwinden.

So ließ die Werft Isidor Beck & Söhne 1972 auf der Insel Reichenau ihren ersten 30er Schärenkreuzer mit Kunststoff Rumpf vom Stapel. Ein Jahr später schob Drachen Spezialist Børge Børresen einen Gfk-Drachen im dänischen Vejle aus der Halle. 1973 entstand auch das erste Exemplar des schweizerischen Kielboot-Klassikers Lacustre mit einer Kunststoff-Schale. Drei Jahre später folgten die ersten Folkeboote in Kunststoff. Letztere detailgetreu bis zum geklinkerten Rumpf, wie man ihn vom Wikingerschiff her kennt.

Vortex im Center Harbour von Brooklin © Erdmann Braschos

Vortex im Center Harbour von Brooklin © Erdmann Braschos

Swede 55 knüpfte in den Siebzigerjahren zwar an die Tradition des hölzernen Schärenkreuzers an, wurde aber von vornherein als Kunststoffboot entwickelt. Sie wurde bis 1979 von der Fisksätra Varv im ostschwedischen Västervik in aufwändiger Vierschalenbauweise mit einem Balsasandwichdeck und für Beschläge einlaminierten Aluminiumblechen gebaut. Gamle Swede ist das letzte Exemplar der Werft. Ich habe es im Mai 1980 selbst dort abgeholt. Ihr anachronistischer, erkennbar in Holz gedachter Kajütaufbau paßt zum Charme des Bootes. Obwohl er auch aus Kunststoff ist. Ein ansehnlicher Mix aus eleganten Linien, von der Tradition inspirierter Anmutung und einem modernen Unterwasserschiff. Retro und pflegeleicht zugleich. Es blieb bei wenigen, in die halbe Welt verstreuten Exemplaren.

Im Sommer 1991 nutzte ich die Wartezeit am Osloer Flugplatz Gardermoen am Kiosk zu einem Blick in internationale Bootszeitschriften. Leider sind in den meisten Blättern nahezu identische, am Anzeigenmarkt orientierte Inhalte zu finden. Es gibt dort den immer gleich faden Mainstream. Umso größer war meine Begeisterung in Ausgabe 100 des amerikanischen Magazins Wooden Boat einen Artikel über einen amerikanischen Bootsbauer zu finden, der eine Swede 55 neu zu Wasser gelassen hatte.

Brooklin statt Brooklyn

Schild am Ortseingang von Brooklin © Erdmann Braschos

So empfängt der Ort seine Besucher © Erdmann Braschos

Den Mann wollte ich unbedingt kennenlernen und natürlich sein Boot. Es heißt Vortex. Doch mußte ich mich eine Weile gedulden bis sich eine Reise in die Staaten und eine Gelegenheit für einen Abstecher zur Brooklin Boat Yard ergab. Im Unterschied zum New Yorker Stadtteil Brooklyn besteht Brooklin aus vielen Bäumen und wenigen, durchweg einstöckigen Häusern. Und es liegt etwas ab vom Schuß – ganz „oben“ in Maine kurz vor der kanadischen Grenze. Hier sagen sich Fuchs und Hase sprichwörtlich gute Nacht. Man kann sich in dieser Abgeschiedenheit gut auf seine Arbeit konzentrieren. Brooklin wurde nicht zufällig zu einem Mekka des modernen Holzbootsbaues.

In dieses Idyll zog sich der Journalist E.B. White mit seiner Frau Katherine Mitte der Dreißigerjahre aus dem Trubel, dem Dreck und der sommerlichen Hitze New Yorks zurück. In einem Bauernhof zwischen Kiefern und Birken entstanden viel bewunderte Kinderbücher. Hier wuchs ihr Sohn, der spätere Yachtkonstrukteur und Bootsbauer Joel White auf. Er gründete 1960 in einer ehemaligen Fischkonservenfabrik an der Center Harbour genannten Bucht die Brooklin Boat Yard. In Brooklin siedelte sich nicht zufällig die 1974 gegründete Wooden Boat Zeitschrift an, dem bald ein Store und eine Schule zur Vermittlung des vom Aussterben bedrohten Holzboootsbau-Handwerks folgte.

Hier lernte ich Joel White kennen, der das Gespräch mit seinem Sohn Steven zunächst mit Zurückhaltung verfolgte, später bei der Führung durch den Betrieb aber geradezu mitteilsam wurde. Ein skepischer, stiller und ernster Mann. Nach einer Weile stieg ich in eine kleine Jolle und ruderte durch das kühle klare Wasser hinüber zu Vortex.

Vortex im Center Harbour von Brooklin/Maine © Erdmann Braschos

Vortex im Center Harbour von Brooklin/Maine © Erdmann Braschos

Das dunkle Mahagoni der Aufbauseite stand ihr gut. Das Reimers-typische, achtern angehobene Deckshaus hatte White durch einen stufenlos gestreckten Aufbau ersetzt. Manche Änderung, etwa wie Rumpf und Deck hinter einer knöchelhohen Schanz statt Fußleiste zusammengefügt sind, ergibt sich aus der Bauweise in Holz statt Kunststoff. Von der Seite gesehen erscheint der Aufbau hinter der angehobenen Schanz eine Idee flacher. Er streckt das ohnehin lange Boot optisch zusätzlich.

Swede 55 Replik Vortex mit stufenlosem Kajütaufbau © Erdmann Braschos

Swede 55 Replik Vortex mit stufenlosem Kajütaufbau © Erdmann Braschos

Die Holzbauweise verlangte auch eine andere Form des Sülls zwischen dem vorderen Aufbau und Achterkajüte. Die Pantry verlegte White nach steuer- und den Kartentisch nach backbord. Es gibt keine Lotsenkoje, somit keine Sitzgelegenheit zum Navigieren oder Arbeiten an einem separaten Tisch im Hafen. Türen und Klappen der Schapps und Schwabennester hat White mit luftig leichtem Rattan bespannt. Manches an diesem Boot hat Steven White typisch amerikanisch und in der Tradition seines Vaters, einfacher und schlichter gehalten.

Mit Vortex bewies der Bootsbauer seinem Vater Joel White Ende der Achtzigerjahre, dass ihm die Schuhe zur Übernahme des Betriebes für die Lagerung, zur Reparatur und den Neubau von Booten und Yachten passen. Er segelt sie seit bald drei Jahrzehnten. Seine Brooklin Boat Yard hat seitdem zahlreiche ansehnliche, auch von Swede 55 inspirierte schnittig schlanke Renner in den Center Harbour gehoben. Vortex – meines Wissens die einzige Replik eines GfK-Bootes in Holz – zeigt, dass man auch mal anders herum denken und ein bewährtes Kunststoffboot neu vom Stapel lassen kann.

Foto oben: Vortex am Liegeplatz in Brooklin/Maine © Erdmann Braschos