Der Start

Es ist eine Binsenweitheit: Regatten werden beim Start entschieden. Schon klar, wie aber kommen einige Tonnen, verteilt auf 16 m Länge, angetrieben von einigen Quadratmetern Tuch beim Schuß in voller Fahrt über die Linie? Ohne Abdeckung der Konkurrenz in Luv oder Verwirbelungen von Seglern in Lee voraus, die den Auftakt ins Rennen übel bremsen? Segelfreund Ralph von der Hamburger Alster meint, die Kunst des Startens ließe sich nie beherrschen. Man könne es nur in Demut immer wieder neu versuchen. Starten wäre wie Golfen.

Die Sache ließe sich konsensuell zaghaft angehen – gucken was die anderen machen und in der Flotte anderer Mainstreamer auf dem Vorfahrt berechtigten Backbordbug über die Linie dümpeln. Dieser Ansatz ist so erfolgreich wie das schlichte Verpennen des Starts.

Unterwegs zur Startlinie © Nico Krauss

Unterwegs zur Startlinie © Nico Krauss

Ich bin schon forsch zur Linie gebrettert um zu erkennen, dass ich zu früh dran bin. Leider lassen sich einige Tonnen  unter Segeln schlecht bremsen. Motor an und Rückwärtsgang rein geht nicht. Glücklich ist der Steuermann, der jetzt geistesgegenwärtig abfällt und die Linie runter segeln kann, wenn es in Lee überhaupt Platz gibt. Entsetzlich ist es, mit flatternden Segeln treibend beim Schuß vom Routinier gleich vor der Linie blamiert zu werden, der mit Augenmaß und sicherer Hand an den Schoten mit rauschender Fahrt von achtern kommend vorbeizieht, als wäre man eine dröge Boje. Furchtbarer ist eigentlich nur ein Frühstart mit namentlichem Einzelrückruf. Das ist wie die Bitte des Latein- oder Mathelehrers an die Tafel. Dieses Schicksal ist schlimmer als konsensuelles Dümpeln, in den Turbulenzen der Vorwegsegler verhungern oder Verpennen.

In der Neustädter Bucht © Britta Rosehr/Max Oertz Regatta

In der Neustädter Bucht © Britta Rosehr/Max Oertz Regatta

Kühne Starter machen das konsensfrei mit der Wahl der vermeintlich falschen Seite. Dort ist man auf dem ausweichpflichtigen Steuerbordbug unterwegs. Gelegentlich klappt die „Frechheit-fährt-Strategie“ und man macht gleich zum Auftakt vor der gesamten Konkurrenz vorbeiziehend kühn sein eigenes Ding. Dazu sollte man ausgeschlafen, gewaschen und früh auf dem Wasser sein: die Lage der Startlinie im Verhältnis zum üblichen Wind, die gelegentlich mit Böen einhergehenden Dreher begriffen haben. Man sollte bei diesem Vabanquespiel flott vom Acker kommen. Sehr schön ist es überdies, wenn die eingeplanten Böen sich dann mit Druck im Tuch melden.

Ein kühner Start vor Pelzerhaken © Britta Rosehr/Max Oertz Regatta

Ein kühner Start vor Pelzerhaken © Britta Rosehr/Max Oertz Regatta

Der ausgebuffte Segler verrät seine Präferenz der diesmal ausnahmsweise richtigen Seite naürlich nicht. Er reiht sich bei den Mainstreamern rechts hinter der Startline ein, fährt flott die Linie runter, wendet und startet mit einem kühnen Kurs auf der linken Seite der Startlinie. Er wird einige Minuten Blut und Wasser schwitzen, ob er vor der von rechts kommenden Flotte vorbei zieht. Eine wehmütige Erinnerung an einen glorreich kühnen Einstieg in eine Regatta in der Lübecker Bucht.

Doch jeder Auftakt, sei es ins neue Jahr, ein Projekt oder eine Wettfahrt ist anders: der Wind, die mentale Klarheit, der Biß der Konkurrenz, die Gelegenheit, die sich unerwartet bietet. Ach – Starten ist wohl wirklich wie Golfen.

Diesmal setze ich oben rechts hinter der Linie bei den zaghaften Mainstreamern an. Wir eilen durch das Feld. Eine Lücke öffnet sich zwischen den Mainstreamern und einer klassischen, deutlich leichteren, ehrgeizig gesegelten 55er Schäre mit alta moda Foliensegeln. Nichts wie rein – auf Gedeih und Verderb ins Segelscharmützel. Wie weit ist es noch bis zur Linie? Wir sind zu schnell. Die klassische 55er Schäre in Lee auch.

Geht dieser forsche Start gut oder ersegeln wir uns gerade ein exklusives Ticket nochmal allein neu anzufangen? Schweißgebadet erinnere ich Herrn Weber, Mathe- und Lateinlehrer in Personalunion, meine Schicksalsgestalt in den fernen Siebzigern. Dann müßten ich nochmal außen um die Linie herum, mich neu einfädeln, wäre Dümpeln, Mainstreamen, Verhungern oder Verpennen besser gewesen. Furchtbar.

Unterwegs zur ersten Boje © Sören Hese/Sailpower

Unterwegs zur ersten Boje © Sören Hese/Sailpower

Die klassische 55er Schäre nebenan fällt ab. Ich falle auch ab. Stephan, der Bremer Uhrenmann an Bord, zählt rückwärts. Ulli, der versierte Schotenzupfer, Regatta- und Schärenkreuzersegler vom Chiemsee, meint mit bayrischer Gelassenheit und beruhigendem Timbre „passt“. Fuß für Fuß ziehen wir in Luv vorbei. Dann der ersehnte Schuß. Alexander, Nicole, Frank, Uli, Ulli und Stephan lächeln. Die Luft bis zur ersten Boje ist rein.

Foto oben © Sören Hese/Sailpower