Der Sound von Dorsoduro

Ich kenne wenige Orte, wo das Meer so friedlich plätschert wie im Ostbecken von Lemkenhafen. Vor vielen Jahren hörte ich mal in einer Pension mitten in Venedig bei geöffnetem Fenster einem der unzähligen Kanäle beim Glucksen zu. Ausgerechnet in Venedig, diesem tagsüber überlaufenen, rast- und besinnungslosen Sightseeing Hotspot für die vermutlich ganze reisende Welt. In Venedig musste ich bloß bleiben und abwarten, bis sich Ruhe einstellt, auch in mir selbst, damit ich wieder hören, dem Wasser zuhören und nachdenken konnte. Ich habe herausgefunden, dass sich Wasser zur Beruhigung und zum Menschsein am besten eignet.
 

Ich glaube es war Hans-Magnus Enzensberger, der einmal die Abwesenheit von Krach – er meinte Verkehrslärm wie Hintergrundmusik gleichermaßen – und die Entscheidung für die Stille als eines der wahren Privilegien unserer Zeit erkannt hat. Nur muss man Stille überhaupt mögen, sie ertragen, und manchmal sich selbst ohne Ablenkung dabei aushalten. Es ist ein Weg, der mir nicht immer gelingt. Der Takt plätschernden Wassers hilft.

Südwestwind läßt es unter den Achterschiffen plätschern – Foto Michael Sörns

Wenn nach der Ankunft in Lemkenhafen auf Fehmarn Ruhe an Bord einkehrt, hocke ich gern draußen an Deck. Meist sitzt mir noch die Arbeitswoche und die Anreise von Hamburg in den Knochen. Dann dauert es entsprechend länger mit dem Landen. Nach einer Weile nehme ich das Plätschern des Wassers  im Hafenbecken wahr. Den Klang macht die Windrichtung und -stärke: Bei einem kräftigen Südwest schwappen kleine Wogen durch die Hafeneinfahrt und lassen die Achterschiffe der Boote im steten Takt klatschen. Bei leichter bis mittlerer Brise stellt sich zufriedenes Schmatzen ein. Wenn der Wind abends verflogen ist, melden sich die letzten von Heiligenhafen kommenden Wogen mit sanftem Plätschern. Ein kräftiger Nord oder Nordwest schuppt das Wasser leicht. Dann meldet es sich mit leisem Nippen.

Zum Abendbrot finden sich Schwäne und Enten in der Arena des Hafenbeckens ein. Die Schwäne gucken was es an Bord der bewohnten Yachten so gibt oder machen sich über das Seegras her. Blesshühner echauffieren sich fiepend, verschwinden zu einem Tauchgang von der Wasserfläche und ploppen woanders wieder hoch. Das Geschrei der Möven kündet von der verheißungsvollen Nähe zum Meer. Der Blick schweift nach oben, wo sich Wildgänse mit fernwehigen Rufen im Abendhimmel versammeln. Für mich steckt darin die Sehnsucht des Seglers nach Freiheit und Weite jenseits des Hafens. Obwohl das Boot die meiste Zeit im Hafen liegt, ist es dazu nicht gemacht.

Mövenperspektive von Lemkenhafen – Foto Frank Jewsky

Der Blick folgt den Pricken des Fahrwassers nach draußen zur bewaldeten Insel Warder, wo der eine oder andere Giebel durch die Bäume lugt. Lemkenhafen ist wunderbar langweilig. Eine Enklave zwischen zwei Naturschutzgebieten im Westen Fehmarns.

Ich wüsste keinen schöneren Ort die Arbeitswoche zu beschließen. Später abends oder am nächsten Morgen werden die Segelfreunde kommen. Morgen werden wir gemeinsam das elegante Heck durch die Pfähle auf die Wasserfläche ziehen, das lange flachbordige Boot in den Wind drehen, Segel setzen und lautlos wie Seevögel davon schweben.

Wenn ich später in der Koje liege und sich nachts das Wasser geheimnisvoll glucksend vom Gemäuer der Ostmole meldet, dann ist er wieder da, der vertraute Sound vom südlichen Altstadtteil Venedigs, das Plätschern in den Kanälen von Dorsoduro.