Acht Meilen vor Travemünde

dreht der Wind von Süd auf Nordost. Während der Windpfeil im Top 18 m über Wasser noch die alte Richtung anzeigt, streicht er dicht über dem Meer vorlich in die Segel. Mehrmals steuere ich zu hoch am Wind, bis ich das selten erlebte Phänomen, dass der Wind oben eine andere Richtung hat als unten, begreife.

Maren und ich sind vom Winterlager nach Fehmarn unterwegs. Die weißen Würfel von Grömitz liegen querab. Der Leuchtturm von Dahmeshöved zeigt sich backbord voraus über den noch kahlen Bäumen. Es ist Donnerstag nach Ostern. Für Ende April ist es ein verblüffend sonniger Tag mit strahlend blauem Himmel.

Nach einer Weile setzt sich die neue Richtung durch. Die murmelnde Bugwelle verstetig sich zum Plätschern. Dann macht sie sich permanent bemerkbar. Aus mauen 3 Knoten werden 5. Es lohnt sich fast immer auf den Freund, den Wind, zu warten. Erst wenn ich gewartet habe, weiß ich ihn nach der Agonie des Dümpelns zu schätzen. Der Windpfeil im Top dreht nach vorn. Das Boot legt sich auf die Seite, schießt bald mit sieben Knoten durch die kaum von der frischen Brise geschuppte Lübecker Bucht.

Das lang entbehrte Zischen

Prüfende Blicke zum heute Morgen getrimmten Mast. Ein paar Umdrehungen noch an der Vorschotwinsch. Die im vergangenen Jahr von Arnd Deutsch genähte, im Winter am Schothorn überarbeitete Fock zieht gut. Ich lasse den Schotwagen mit der Großschot nach Lee rutschen und nehme Schot dichter. Das Boot findet für die nächsten Stunden seine stabile Schwimmlage mit der Ziergöhl soeben über der Ostsee.

Dann geht das lange entbehrte Segelfest los. Gamle Swede jagt mit 8, bald 8 ½, ab Dahmeshöved bei leicht geöffneten Schoten mit 9 Knoten durch die Ostsee. Da ist es wieder, das lange entbehrte Zischen. Ringsum zufrieden, hingerissen, ergriffen von diesem Zusammenspiel aus Wind , Boot und Meer hocke ich in der Plicht, lehne im Crewcockpit vor dem Reitbalken am Süll. Ich hatte vergessen wie schön es ist. Was für eine Windmühle! Und welcher Lohn für die fast durchgängige siebenmonatige Beschäftigung damit. Es ist der erste Schlag der Saison. Ich genießen ihn in vollen Zügen – auch den Blick über die leuchtend blaue Ostsee mit den eigenartigen Schönwetter Spiegelungen am Horizont.